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Thema: Postkarten erzählen Geschichte(n)
sam0077 Am: 17.09.2008 20:46:28 Gelesen: 10162# 1 @  
Ein Beitrag in zwei Teilen

Mein Schulfranzösisch ist zwar schon etwas angestaubt, aber so viel kann ich noch herauslesen:

Man schreibt das Jahr 1917, vielleicht irgendwo in Belgien (?) (E???en), der 1. WK wütet in Mitteleuropa. Ein Sohn schreibt an seinen Vater im Felde "ch. de fer (= Eisenbahn) en camp à ...". Liege ich da noch so einigermaßen richtig?

An sich nichts Ungewöhnliches.


 
sam0077 Am: 17.09.2008 20:54:47 Gelesen: 10160# 2 @  
Bis man die Karte umdreht.

Die Ansicht zeigt Lemgo in Lippe, im Herzen Deutschlands.

Wie kommt ein Franzose mitten im 1. Weltkrieg dazu, eine zwar schöne und unpolitische, aber gleichwohl Karte des Kriegsgegners zu verwenden und diese an seinen Vater in der Nähe von Calais zu versenden?

Was hat es mit der Eisenbahn (chemin de fer) auf sich und welche Bedeutung hat der unleserliche ovale Stempel in der Mitte der Karte ?

Warum war das ganze portofrei ? Kriegsgefangener ?

Fragen über Fragen! Aber ein spannendes Stück Geschichte, das meines Erachtens verdient, aufgeklärt zu werden.

Wer hat Lust, sich daran zu beteiligen ?

Christian


 
Jürgen Witkowski Am: 17.09.2008 21:27:22 Gelesen: 10151# 3 @  
@ sam0077 [#2]

Das erforschen solcher Belege macht mir viel Spass. Den Ortsstempel Eijsden * 1 * 6.X.17. 3-4N kann ich vielleicht aufklären. Es handelt sich um den niederländischen Ort Eijsden, der in der Nähe der Stadt Maastricht an der Grenze zu Belgien liegt.

http://de.wikipedia.org/wiki/Eijsden

Bei dem ovalen Stempel könnte es sich um einen Zensurstempel handeln. Oben scheint das Wort "OUVERT" zu stehen. In der Mitte steht die Zahl 23 und unten rechts meine ich das Wort "MILITAIRE" entziffern zu können.

Mit besten Sammlergrüßen
Jürgen
 
sam0077 Am: 17.09.2008 23:25:19 Gelesen: 10140# 4 @  
Hallo Jürgen,

danke für die schnelle kompetente Antwort, die bei der Entschlüsselung zumindest einen großen Schritt weiterhilft.

Vielleicht hast Du oder haben andere Sammler auch Belege, die spannende Geschichten erzählen können. Hier wäre ein Forum für Geschichte(n) und ungeklärte Fragen.

Gruß

Christian
 
reichswolf Am: 18.09.2008 00:10:21 Gelesen: 10136# 5 @  
@ sam0077 [#2]

Gelaufen ist die Karte nach Audruicq im Departement Pas de Calais (http://fr.wikipedia.org/wiki/Audruicq). Dort befindet sich bis heute auch ein Bahnhof. Im Ersten Weltkrieg wurden über diesen Bahnhof auch Truppen transportiert.

Der Text der Karte ist privater Natur, es geht um Familiendinge. Mehr habe ich bis jetzt nicht herausfinden können.

Beste Grüße,
Christoph
 
asmodeus Am: 18.09.2008 08:19:25 Gelesen: 10126# 6 @  
Ich habe in meiner Sammlung eine eigentlich unbedeutende Ganzsache mit interessantem Inhalt gefunden. Kriegsberichterstattung aus erster Hand.

Aus dem Inhalt:

Liebste ... (Name lasse ich weg),

hier steht alles unter dem Eindruck der Kriegserklärung, die ??? eilen in wilder Flucht davon manche sogar mit Zurücklassung ihres Gepäcks. Mein Mann wartet auf seine dienstlichen Bestimmungen. Wahrscheinlich fahren wir in den nächsten Tagen heim. Momentan sind die Züge überfüllt von Einberufenen, die jede Station mit lauten Viva la Compagnion Rufen begrüßen. An(?) zu(?) Triest(?) wird auf den Straßen campiert. Ganz Österreich sieht mit Begeisterung diesem Krieg entgegen. ... (Name) wollten mitte August kommen, nun weiß man nicht nämlich nicht was die Ereignisse bringen ..."

Die Schriftseite muß ich noch scannen.


 
Pete Am: 18.09.2008 20:26:57 Gelesen: 10106# 7 @  
@ sam0077 [#1]

dann versuche ich einmal den Text deiner Karte zu entziffern:

"Chér Papa,
j'ai recu cartes celle du
3/9 sur laquelle vous écri-
vez que vous n'avez plusieurs
recu de nouvelles de Maman, ni
de personne, puis j'ai encore
recu une carte de du 17/9 sur
laquelle vous que nous nous
sommes déjà photographié. Le
petit Albert sais presque
parlé, il crie déjà Papa, j'ai
toutes ces petites paroles, A
lbert a encore le quocluche [???], il
n'est pas encore retabli, et le
petit Victor non plus. Je vous
envoyerai peut-être le bille-
tin, je suis maintenant chez
un outre maître.
Jespère que vous encore en
bonne santé
Votre fils
Eugène"

"05.10.17

Lieber Vater,

ich habe die Karten vom 3.9. erhalten, auf der Ihr schreibt, dass Ihr weder weder von Mutter noch von anderen Neuigkeiten erhalten habt.

Dann habe ich noch eine Karte vom 17.09. erhalten, auf welcher Ihr [seht], dass wir uns fotographiert haben.

Der kleine Albert kann beinah sprechen, er schreit bereits Papa, diese kleinen Sätze. Albert ist noch an ... erkrankt, ist noch nicht ganz wieder hergestellt [gesund], Victor ebenso wenig. Ich werde euch das Ticket schicken, derzeit bin ich bei einem anderen Meister [Herrn].

Ich hoffe, Sie [befinden] sich bei guter Gesundheit.

Euer Sohn
Eugène"

Der Sohn Eugène schrieb mit vielen Kommas statt Punkten und hat meinem Eindruck nach gelegentlich ein Wort vergessen aufzuschreiben. Ich habe seinen Satzbau für die deutsche Übersetzung zum leichteren Verständnis etwas geändert. Mich irritierte auch etwas beim lesen, dass er seinen Vater gesiezt hatte. Das Wort "vous" kann je nach Kontext auch mit "ihr" übersetzt werden. Dies hätte auch Sinn gemacht, wenn er Vater und Mutter zeitgleich hätte ansprechen wollen. Sinngemäß dürfte die vorstehende Übersetzung stimmen. Für Detailfragen kann ggf. ein Muttersprachler eher helfen.

Gruß
Pete
 
Holger Am: 18.09.2008 20:32:04 Gelesen: 10103# 8 @  
@ Pete [#7]

Hallo Pete,

wundere dich nicht über das "Sie". Vor gut 25 Jahren war in unserer Familie ein Austauschschüler aus Marseille für drei Wochen zu Gast.

Er redete am Telefon seinen Vater ebenfalls mit "Sie" an, was uns damals sehr verwunderte. Auf Nachfrage erklärte er, das dies in vielen Familien noch üblich sei. Ob das heute auch noch so ist ?

fragt sich
Holger
 
petzlaff Am: 20.09.2008 15:52:43 Gelesen: 10077# 9 @  
@ Holger
@ Pete

Das mit der Anrede ist überhaupt nichts Ungewöhnliches.

Wir Deutschen neigen leider seit jeher dazu, immer wieder unseren eigenen Sprachgebrauch in andere Sprachgewohnheiten zu übersetzen.

Das typischste Beispiel ist das englisch/amerikanische "you", welches bedeutungsmäßig niemals in das deutsche "du", sondern immer in die Höflichkeitsform "Sie" übersetzt werden muß. Die Bewohner der iberischen Halbinsel pflegen das "usted" als "hochachtungsvolles Sie", welches aber zur Floskel verkommen ist und schriftlich nur noch als "Vd" oder "Ud" abgekürzt benutzt wird.

Die Franzosen liegen irgendwo zwischen der nord- und der südeuropäischen Sprechweise. Wahrscheinlich weiß keiner so genau, wo die Grenzen zu ziehen sind und wie fließend die Übergänge zwischen "du" und "Sie" in Praxis verlaufen.

Die meisten Sprachen dieser Welt kennen überhaupt kein "Sie", sondern verbinden stattdessen das "du" mit einer Höflichkeitsfloskel (etwas das Chinesische). Noch ganz anders sieht es bei die zahlreichen Indianersprachen aus. Viele dieser Idiome kennen weder das "du" noch das "Sie", manche noch nicht einmal das "ich", aber alle kennen Wörter für "wir" in der unterschiedlichsten Form: "wir beide", "wir als Lebengefährten", "wir als kleine Gruppe", "wir alle", "wir und ihr zusammen", "wir, die Menschheit insgesamt".

Um zurück auf die deutsche Sprache zu kommen. Das "respektvolle Sie" feiert auch bei uns im Familienkreis fröhliche Urständ, wenn ich es einmal salopp so bezeichnen darf. Welche(r) wohlerzogene Sohn/Tochter nennt den heutzutage bei uns seine Eltern, geschweige denn die Großeltern bei ihrem Vornamen? Nach wie vor geläufig ist doch immer noch Papa, Mama, Oma, Opa o.ä.

Danke für den nachdenkenswerten Beitrag - auch wenn er mit Philatelie nichts zu tun hat.

LG
Stefan
 
rostigeschiene Am: 12.03.2009 21:55:41 Gelesen: 9940# 10 @  
Durch Zufall ist mir diese Karte mal wieder in die Hände gefallen und ich erinnerte mich daran, so ein ähnliches Thema hier im Forum schon einmal gelesen zu haben.

Da wir ja nun alle von der Weltwirtschaftskriese betroffen sind, weist diese Karte sogar Ähnlichkeiten mit vielleicht so manchem Schicksal in der heutigen Zeit auf.



Auch die Portokosten werden sich meiner Meinung nach bald denen von 1923 angepaßt haben.



Denkt mal darüber nach.

Schönen Abend noch.
 
Cantus Am: 06.06.2012 01:21:57 Gelesen: 8537# 11 @  
Nun ja, nicht direkt eine Geschichte, aber die Rückseite der Karte hat mich doch zum Schmunzeln gebracht. Da erhält der Schriftleiter einer Zeitung eine Postkarte, mit der die vermutliche Lösung eines Preisrätsels mitgeteilt wird. An sich nichts besonderes, aber man stelle sich nur einmal vor, der arme Mann bekommt tausend solcher Karten; wer sollte die denn alle lesen, um zu entscheiden, wer denn nun in die Gewinnerauswahl kommt?





Viele Grüße
Ingo
 
Germaniafan Am: 09.02.2013 15:34:17 Gelesen: 8169# 12 @  
Hallo ins Forum,

hier 2 Ansichtskarten aus einer schlimmen und turbulenten Zeit in Kaisersteinbruch.





Weiteres zu Kaisersteinbruch ist hier nachzulesen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Anhaltelager_Kaisersteinbruch
http://de.wikipedia.org/wiki/Kriegsgefangenenlager_Kaisersteinbruch

Schöne Grüße
Guido
 
Pepe Am: 25.09.2013 18:51:33 Gelesen: 7772# 13 @  
Wir drehen die Zeit 79 Jahre zurück. Wir sind in Pommern, irgendwo in einen kleinen Dorf und dann diese Post.

Nanu Nanu, was ging denn hier ab ?



Asternblumenverkauf nach vorher fertig zustellenden Listen ?

Wer kann das verstehen ?

Nette Grüße
vom einen kleinen Dorf wo gerade die Winterastern in voller Blüte leuchten
Pepe
 
volkimal Am: 26.09.2013 19:52:42 Gelesen: 7739# 14 @  
@ Pepe [#13]

Hallo Pepe,

mein Vater hat noch eine fast komplette Sammlung aller WHW-Abzeichen, die bei den Reichsstraßensammlungen im gesamten Reichsgebiet verkauft wurden. Daher sind mir die Astern bekannt.

Am 10. und 11. November 1934 wurden bei der Reichsstraßensammlung aus farbigem Stoff hergestellte Astern verkauft. Da ich im Moment nicht zu meinen Eltern komme, um ein Foto zu machen an dieser Stelle ein passender Link:

http://www.beck-militaria.de/advanced_search_result.php?keywords=whw+astern

Viele Grüße
Volkmar
 
Pepe Am: 27.09.2013 21:10:26 Gelesen: 7707# 15 @  
@ volkimal [#14]

Hallo Volkmar,

vielen Dank für die Info über die Astern. Für mich war dieser Beleg mit unbekannten Wörtern bestückt. Noch nie die Wörter Zellenwalter und Zellen mit Kaufläden gehört. Aber wir Sammler sind ja neugierig und so freue ich mich auf Deine Reaktion.

Nicht zu überlesen ist die diktatorische, ja schon befehlstonartige Weise, dieser Anweisung eines Ortsgruppenwalters. Die Partei über Alles.

Bei der Blumengeschichte fällt mir eine Zeit in der DDR ein, wo man gegen eine Spende eine Mainelke erwerben konnte. Das Geld sollte in die Solidaritätskasse fließen.

Nun werde ich den Beleg mal Vorderseitig zeigen. Auch hier recht interessant.



Pommern, Deutsches Reich, Ganzsache P 234 b. Kleines b = auf rahmfarben.



NSDAP Ortsgruppenwalter Ort Biziker in Pommern Kreis Köslin. (kein Poststempel)



Pommern, Poststempel THUNOW, Kr. KÖSLIN

Nette Grüße
Pepe
 
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